Atem-Künstler
Montag, 08.02.2010
Ein Buch-Projekt von Alfred Gulden und Bettina van Haaren Der eigene Körper als Ursprung des Schaffens, das führte den saarländischen Autor Alfred Gulden und die Künstlerin Bettina van Haaren für ein Gollenstein-Buchprojekt zusammen. Sie lieferte „Atemzeichnungen“, er „Atemballaden“.
Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus
Saarbrücken. Sie bläst auf ihrer aus dem Körper herausgelösten Lunge wie auf einem Dudelsack. „Lungenblasen“ heißt das Bettina-van-Haaren-Gemälde, das den Bronchial-Asthmatiker Alfred Gulden existentiell ansprang. 2008 sollte er im Rahmen der Landeskunstausstellung mit van Haaren ein Werkstatt-Gespräch führen. Letzteres dauerte dann, wenn man so will, ein Jahr, bis zum Abschluss des Buch-Projektes „Atem“. Gulden hatte van Haaren damals erzählt, er sitze an „Atemballaden“, und sie hatte gedrängt: „Lass' uns ein Buch zusammen machen.“ Aber keines nach klassischem Illustrations-Muster. 15 „Atemzeichnungen“ der 33 jetzt im Buch versammelten existierten bereits. Gulden schickte van Haaren peu à peu seine Verse per Mail, narrative Szenerien. Van Haaren reagierte nicht unmittelbar auf sie, und Gulden kannte sowieso nur wenige ihrer Zeichnungen. Inspiration floss wohl dennoch, zwischen zwei Schonunglosen, Drastischen. Eine Seelenverwandschaft? Solcherart Begrifflichkeit verbietet sich. Zu besichtigen ist ein reizvoller Parallel-Lauf auf eigenen Bahnen. Das Buch macht freilich evident, wie sehr beide Künstler in die eigene Physis und Biografie zurückkriechen, um sie dann – „zerstückelt“ – zu einer neuen Komposition zu formen.
„Wir sind zwei Künstler, die dasselbe Thema bearbeiten: Atmen als etwas Hochexistentielles“, sagt van Haaren. Sie porträtiert sich in ihren Bildern immerzu selbst. Das sieht dann in den „Atemzeichnungen“ wie folgt aus: Die Lunge legt sich wie ein Rettungsring oder wie ein Panzer von außen über den Brustkorb, der Mund wird mit Fingern gestopft, der Hals mit den Händen abgedrückt. Wobei sich bei van Haaren die grazilen Linien oft wild zusammenballen oder kreatürlich ins Wuchern geraten. Ein Kontrast zur „starren“ Balladen-Form bei Gulden. Doch dessen Verse leben auch, durch das Druckbild. Sie wurden mittelachsig wie um eine Luftröhre herum angeordnet.
„Seit meinem vierten Lebensjahr kenne ich Erstickungsängste, das Gefühl, nur bis kurz vor dem Hals Luft zu kriegen“, sagt Gulden. In seinen Gedichten folgen wir ihm, dem „Schnappatmer“, in die nächtliche Küche, wo er mit Salbei inhaliert, oder in Alptraum- und Krankenzimmer-Szenerien. In einem besonders intensiven Gedicht („Schutz und Schirm“) sogar bis ans Totenbett seiner Schwester, die das Gebet der Familie mit der Lunge mitspricht: „Jedes Wort ein Atemstoß“. Seit je war Gulden, der diplomierte Sprecherzieher, ein Literat des „Klangkörpers“ Sprache: Worte entfalten durch Artikulation, also physische Formung, ihre volle Imaginationskraft. Nicht von Ungefähr tritt Gulden oft im Duo mit dem Posaunisten Christoph Thewes auf; in Vorbereitung ist ein „Atemzyklus“.
Van Haarens aktuelle Ausstellung, die den größten Teil der „Atemzeichnungen“ beinhaltet, heißt „Häutungen“. Sie wird gerade in Dortmund gezeigt und kommt im April nach Neunkirchen. Van Haaren, lange im Saarland verortet und mittlerweile Professorin für Zeichnung und Malerei in Dortmund, hat ihre Kunst der Selbst-Ergründung radikalisiert. In den mit extrem spitzem Stift gesetzten „Atemzeichnungen“ blitzt noch ein Moment des Spielerischen auf. In den Gemälden erlebt man hingegen das Selbst-Abtasten und Selbst-Sezieren als brutalen Akt. Dass dies Verstörung auslöst, ist ihr bewusst. „Es geht um Bedrückungen und um Selbstbehauptung“, sagt van Haaren. Auch Gulden hätte dies so formulieren können und hätte wohl das Wort Sprengung hinzugesetzt – Luftschöpfen macht frei.
Atem. Balladen und Zeichnungen. Gollenstein Verlag, 18 Euro. Van-Haaren-Aussstellung „Häutungen“, Neunkircher Städtische Galerie: 16.4. bis 6.6.








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