,,Um Gottes willen, Lea!“

09:55 | 2010-02-02

Saarlandbotschafterin Schwester Dr. Lea Ackermann

Saarländer trifft man überall auf der Welt, heißt es. Die SHS Foundation hat Dieter Gräbner, den langjährigen Lokalchef der Saarbrücker Zeitung gebeten aufzuschreiben, wie und wo sie leben.

Vielleicht liegt es daran, dass sie als Kind ein ,,Dickkopf“ war, wie sie erzählt,   und ,,so leicht aufgeben nicht für mich in Frage kommt.“  Lea Ackermann, die 1937 in Völklingen geboren wurde, in Klarenthal als Tochter eines Bauunternehmers aufwuchs, hat nicht nur eine ungewöhnliche Karriere – sie war Bankkauffrau in Saarbrücken bei der Landesbank Saar und in Paris bei der Banque Franco Sarrois - gemacht,  bevor sie  an der Pforte der Weißen Schwestern in Trier klingelte   – im schwarzen eng taillierten Pariser Modellkleid (!) -  und in den Missionsorden Unserer lieben Frau von Afrika eintrat. Nach erfolgreichem  Studienabschluss  in München war sie Lehrerin in Ruanda, promovierte schließlich mit Summa cum laude. Das ist aber nur der erste Teil  einer bemerkenswerten Vita:  Der zweite Teil ist dies: 1985 gründete sie  SOLWODI  (Solidarity with  Women in Distress - Solidarität  mit Frauen in Not) in Mombasa ,,als Projekt für Kenianerinnen, die sich wegen ihrer auswegslosen wirtschaftlichen Situation an Prostitutionstouristen verkaufen.“ Inzwischen ist SOLWODI eine international anerkannte Hilfsorganisation  für Frauen, die von  Menschenhändlern aus  Osteuropa,  Afrika,  Asien  nach Europa verschleppt werden, viele in deutsche Clubs und Bordelle: ,,Solwodi unterhält  inzwischen in Kenia acht Beratungsstellen und die  Schutzorganisation Solgidi  - Solidarity with Girls Distress -  kümmert sich in Kenia um die Töchter der Prostituierten.  In Deutschland hat Solwodi zwölf  Beratungsstellen  und sieben Schutzhäuser“, erzählt sie. Die deutsche Kripo ruft immer öfter SOLWODI zu Hilfe, wenn es um Unterbringung und Hilfe für  Zwangsprostituierte geht. Und Dr. Lea Ackermann,  alias Schwester Lea,  ist längst eine gefragte Diskussionsteilnehmerin auf internationalen Kongressen und Interviewpartnerin in vielen Fernsehsendungen, wenn es um Zwangsprostitution und Menschenhandel geht:  ,,Viele Mädchen aus Afrika und auch aus Osteuropa sind noch Kinder,  manchmal gerade 13 Jahre alt, wenn sie verkauft werden,  auch in deutsche Bordelle.. Sie haben keine Chance zu entkommen. Oft wissen sie nicht einmal, in welcher Stadt sie sich befinden.“

Über ihr Leben, über ihren Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel,  hat sie ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Titel ,,Um Gottes willen, Lea.“ ,,Das war der Spruch, den Freunde und Vorgesetzte immer wieder sagten, wenn es um  neue Projekte  ging“, erzählt sie. Es ist ein lesenswertes, auch spannendes Buch, das den Blick öffnet für die Not und das Elend der Prostituierten in Entwicklungsländern und hinter die Glitzerfassaden der einschlägigen  Clubs in Deutschland. Es ist auch  die Lebensgeschichte einer mutigen  Frau, die vielfach ausgezeichnet wurde: Bundesverdienstkreuz 1992, 1999 Verleihung des ,,Bullenordens“ des Bundes Deutscher Kriminalbeamter.  Die Europäische Bewegung kürte sie zur ,,Frau Europas“. Mit 999 anderen Frauen,  die sich weltweit für soziale Projekte engagieren, wurde sie sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und, und...

Sie  wohnt und arbeitet im Boppard: ,,Von meinem Arbeitsfernster aus sehe  ich auf den Rhein.“ Die Verbindung  zu ihrer saarländischen Heimat hat sie nie abreißen lassen. Auch nicht und erst recht nicht,  wenn sie Hilfe brauchte. In Klarenthal sammelten sie und ihre Familie immer wieder  Geld für ihre Projekte. Und  1994 brachte sie acht Waisenkinder, die den fürchterlichen Genozid in Ruanda überlebt hatten,  ins Kloster der Franziskanerinnen nach Wadgassen. Die SaarLB, bei der sie 1954 ihre Banklehre absolvierte, ist die  SOLWODI-Hausbank. Und Werner Severin, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der SaarLB, ist Stiftungsrat der SOLWODI-Stiftung.  

2005 wurde Schwester Lea  zur Saarlandbotschafterin ernannt:  ,,Das hat mich gefreut. Es ist  auch nicht zu überhören, dass ich Saarländerin bin. Noch immer spreche ich ein bisschen Klarenthaler Platt und nenne jede Fleischwurst Lyoner. Und gerne erzähle ich vom Saarland, von den Menschen. Die Saarländer haben im Laufe  ihrer Geschichte Erfahrungen gemacht, die den  Bewohnern anderer Regionen erspart blieben. Bei uns sind viele Völker und Heerscharen durchgezogen und haben ihre Spuren hinterlassen. Das hat uns geprägt. Wir sind tolerant und offen. Das weiter zu geben, ist mir ein Anliegen.“   

Haben sie Fragen zu diesem Thema? Wollen Sie mit Schwester Lea oder SOLWODI Kontakt aufnehmen? Haben Sie Vorschläge für die nächste  Kolumne? Kennen Sie Saarländer, die im Ausland leben, und die wir hier vorstellen sollen? Schreiben Sie uns ihre Meinung

 

 

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