Autor Hans Peter Bungert
Neuerscheinung des Buches 'Per Fortuna'
Nur skizzenhaft sind die farblichen Nuancen auf dem Titel des Buches wahrzunehmen.
Ebenso skizzenhaft tauchen Ereignisse aus dem Nichts auf und verschwinden – wie es scheint –ebenso wieder im Nichts.
Sie scheinen wahllos herausgegriffen zu sein aus den allzeit und sich stets ereigneten Situationen, doch ist dem nicht so.
Bei genauer Betrachtung wird aus dem Titelbild ein deutlich beschriebener Ort.
Aus den einzelnen Geschichten entwickelt sich eine letztendlich packende Handlung – und alle Ereignisse verbindet eine Gemeinsamkeit.
Richard Guttsen hat Glück im Unglück, dass er den grauenhaften Unfall auf der Rennstrecke überlebt.
Danach ändert sich nicht nur sein Name.
Aus dem britischen Industriellen Guttsen wird der Italo-Amerikaner Richard Maschera – sprich Maskera.
Durch den Unfall wird ihm plötzlich unmissverständlich bewusst, dass er vielleicht nur aus dem Grund überlebte, um endlich seinen bisherigen Lebensstil zu überdenken und diesen im positiven Sinn und für die Menschheit auch sinnvoll zu verändern.
ISBN 3-936983-06-2 14,90 Euro
dvg – Digitalverlag Großrosseln
Leseprobe:
Leseprobe \" Per Fortuna\"
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Richard spazierte durch den Stadtwald, als ihm die junge Frau auffiel, die alleine auf einer Bank saß und die Vögel fütterte. Als er sich näherte, flogen diese davon und warteten in sicherer Entfernung darauf, dass sich der fremde Eindringling zurückzog und sie weiter ihr Futter erhielten. Doch dieser entfernte sich nicht und sie zwitscherten wütend.
Er fragte, ob er sich etwas zu ihr setzen dürfe, da er vom Spaziergang müde sei und es die erste Bank sei, die er bisher gefunden habe. Sie sah ihn an und er ließ die genaue Musterung über sich ergehen. Als sie nickte, dankte er ihr und setzte sich möglichst weit von ihr entfernt auf die äußerste Bankspitze. Nach einiger Zeit kamen die Vögel wieder etwas näher und die Frau setzte das Füttern fort. Sie sprach einige Worte und langsam kamen sie immer näher herangetrippelt. Einige pickten die Körner aus ihrer ausgestreckter Hand. Richard verhielt sich ganz ruhig.
Nach einiger Zeit war das Futter aufgebraucht und sie sage den Vögeln, dass dies alles für heute gewesen sei. Als hätten sie es verstanden, flog der Großteil davon, als sie die Tüte zusammenfaltete.
„Sie kommen regelmäßig hierher?“„Ja, es ist eine meiner wenigen sinnvollen Tätigkeiten, die noch angenommen werden. Zumindest die Vögel akzeptieren es als solche. “Das hört sich sehr traurig an. Ich hatte den Eindruck, dass die Tiere sie teils verstanden. Entschuldigung, ich habe mich Ihnen noch nicht vorgestellt.
Mein Name ist Richard Maschera.“
„Es ist auch traurig, dass man in einem hochzivilisierten Land zur Welt kommt, eine Ausbildung absolviert und nach einigen wenigen Jahren Arbeit wieder gehen kann. Und wie intensiv man auch sucht, findet man nichts mehr, weil hunderte - was sage ich - tausende und abertausende Menschen ebenfalls in derselben Situation sind und immer ein Bewerber ein klein wenig bessere Noten oder Zeugnisse vorweisen kann. Aber ich langweile Sie.“„Aber nein. Auch ich war schon in einer Situation, in der ich mich fragte, was ich überhaupt noch Sinnvolles für die Menschheit zu leisten imstande bin. Ich muss jedoch gestehen, dass es eine andere Ausgangslage war.“
„Sie haben sich absichtlich so weit von mir gesetzt, damit ich die Vögel füttern konnte?“„Ja, ich wollte nicht als Eindringling Ihr Tun stören.“„Das haben Sie schön ausgedrückt. Mein Name ist Rebecca Solaire. Ich sitze jeden Mittag hier im Wald und habe festgestellt, dass es fast immer dieselben Vögel sind, die sich um mich scharen. Für viele Menschen ist ein Sperling eben ein Sperling. Aber sie unterscheiden sich genau wie Menschen. Mit der Zeit erkennt man sie und auch sie erkennen mich.“ Sie lachte.
„Zumindest glaube ich es.“ „Dann hat mich mein Eindruck doch nicht getäuscht, dass die Vögel sie verstehen.“ „Sie haben mit der Zeit gelernt, dass das Futter alle ist, wenn ich die Tüte zusammenfalte. Mehr wird es nicht sein. Dann fliegen sie zu einer anderen Stelle, wo sie sich wieder Futter erhoffen oder erbetteln.“
„Wie lange sind sie schon ohne Arbeit, Rebecca? Ich darf Sie doch Rebecca nennen?“„Sechs Jahre gearbeitet und sechs Jahre arbeitslos.“„Das ist eine lange Zeit. Jetzt werden Sie mich wohl langsam für aufdringlich halten, aber ich interessiere mich für Ihre Geschichte.“„Aber ganz und gar nicht. Es ist schön, sich wieder einmal mit jemandem zu unterhalten. Wenn man so lange ohne Arbeit und Einkommen ist, ist man irgendwann auch ohne Freunde und Bekannte. Wenn diese ausgehen, kann man nicht mit. Anfangs wird man noch eingeladen, aber es schläft nach und nach ein oder man sagt von selbst ab. Man merkt, dass es eigentlich nur noch eine mitleidige Geste ist, um das eigene Gewissen zu beruhigen.“„Deshalb sitzen Sie hier auf der Bank und umgeben sich mit Vögeln, die nicht aus Mitleid zu Ihnen kommen?“ Sie lachte erneut.
„Interessante Perspektive. Von dieser Sicht habe ich es zwar noch nie betrachtet, aber es könnte wirklich so sein, Richard.“„Was werden Ihre Freunde im Wald machen, wenn Sie wieder eine Arbeit gefunden haben? Werden sie verhungern?“„Sie sind nicht verhungert, als ich noch nicht hierher kam und sie werden auch nicht verhungern, wenn ich nicht mehr käme. Aber mit Arbeit hat es dann sicherlich nichts zu tun. Der Zug ist abgefahren.“
„Sie sind vielleicht Ende zwanzig. Warum sollte der Zug abgefahren sein?“„Wegen meines Zeugnisses. Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Meine Arbeit habe ich verloren, weil ich nicht so wollte, wie sich mein Chef dies vorgestellt hatte. Ich dachte mir nichts dabei, als ich das schlechte Zeugnis erhielt und war mir sicher, dass ich nicht lange nach einer anderen Arbeit suchen müsse. Ich wusste jedoch nichts vom langen Arm meines Chefs. Er hat Einfluss, den ich nicht kannte. Ein Personalchef hat mich nur zum Vorstellungsgespräch eingeladen um mir zu sagen, dass ihr Unternehmen keine Zicken einstellt. Da fiel erst der Groschen. Ich habe in einer sehr großen Rechtsanwaltskanzlei gelernt und habe es bis ins Vorzimmer des Chefs geschafft. Anscheinend stehen alle Kanzleien untereinander in Kontakt. Mein Chef ist zudem im Vorstand der regionalen Handelskammer. Dort hat er mich wohl als zickig, unkollegial oder sonst was angeschwärzt. Selbst vom Arbeitsamt werden mir zwischenzeitlich keine Vorschläge mehr unterbreitet. Es scheinen kriminelle Strukturen zu bestehen, gegen die ich nichts unternehmen kann. “Sie stockte.„Sie sind plötzlich so still, Richard.“
„Ich bin etwas erschüttert. Ich finde es arg übertrieben, einer ehemaligen Mitarbeiterin nur aus dem Grund den weiteren Lebensweg zu blockieren, weil sie nicht als Geliebte herhalten will.“„Nun, es fielen sehr heftige Worte. Das mag vielleicht ein Fehler gewesen sein, aber ich stehe noch heute dazu, Richard. Nun wird es aber Zeit für mich.“„Darf ich Sie noch ein Stück begleiten? Ich war nur für vier Tage in Belgien und werde morgen wieder zurück nach Italien reisen. Ich wollte lediglich einige Schritte durch die Natur machen und lerne dabei Ihre traurige Geschichte kennen.“
Sie spazierten nebeneinander den Waldweg entlang.„Habe ich Ihnen nun den Belgienaufenthalt vermiest, Richard?“, fragte sie.„Aber nein, Rebecca. Sie haben mich nur nachdenklich gemacht.“ Als sie aus dem Wald kamen, fragte er: „Darf ich Sie zum Abendessen einladen? Es ist sicherlich nicht aus Mitleid, sondern weil Sie bei mir als Fremdem so viel Vertrauen und Offenheit an den Tag gelegt haben.“„Richard, lassen Sie nur. Ich verhungere nicht. Trotzdem vielen Dank für die nette Einladung.“„Das macht mich nun traurig. Ich akzeptiere es, wenn Sie nicht wollen. Sie hätten mir damit jedoch eine große Freude bereitet.“„Das tut mir Leid. Trotzdem gehe ich lieber nach Hause. Ich wünsche Ihnen morgen eine gute Rückreise.“ Beide gaben sich die Hand und Richard schaute ihr eine Zeit lang hinterher.
Robert Blanchefort erhielt eines Tages im Büro einen persönlich an ihn gerichteten Brief aus Genua. Er öffnete ihn und fand ein Foto, das ihn mit seiner Sekretärin in einer sehr eindeutigen Situation zeigte, dazu ein kurzes Schreiben in englischer Sprache:
„Sehr geehrter Herr Blanchefort,
wir hoffen, dass Ihnen die Aufnahme gefällt. Da unsere Gesellschaft in nächster Zeit auch auf dem belgischen Markt aktiv werden will, wollen wir uns einer der größten Kanzleien Ihres Landes versichern. Wir hoffen auf eine gute Zusammenarbeit.“
Bei der nächsten Wahl in den Vorstand der Handelskammer scheiterte Blanchefort. Das ihm entgegengebrachte Vertrauen genügte nicht mehr, den Posten zu erhalten. Langsam aber sicher wandten sich die Kanzleien von ihm und er war nicht mehr der Verteiler der Aufträge.
Seine Kanzlei musste sich personell verkleinern, da die Aufträge ausblieben. Hinter vorgehaltener Hand wurden Bilder ausgetauscht, die bei seinem Auftauchen auf Gesellschaften mit einem Grinsen in den Innentaschen von Anzugsjacken verschwanden. Seine Sekretärin merkte die Veränderung und kündigte. Die Kanzlei Blanchefort & Partner, einst eine der größten ihrer Branche, verschwand in der Versenkung. Blanchefort versuchte es eine Zeit lang alleine, nachdem sich seine Partner anderweitig umsahen, aber mehr als Kleinstmandate waren nicht mehr zu bekommen.
Rebecca öffnete ihren Briefkasten und fand neben Werbung und einem kleinen Päckchen auch den Brief einer Rechtsanwaltskanzlei. Sie sortierte die Werbung aus und warf sie in den Papierkarton im Flur. Dann ging sie langsam wieder hinauf in die Wohnung. Unterwegs riss sie den Umschlag auf und las den Inhalt. Er kam von der Kanzlei, die sie damals nur einlud, um die Absage zu erteilen. Sie las ihn auf dem Weg zu ihrer Wohnung noch einmal und als sie auf ihrer Etage angekommen war, erneut. Man entschuldigte sich für das schändliche Verhalten des Personalchefs, der zwischenzeitlich aus der Kanzlei entfernt und entlassen sei. Falls sie noch Interesse an einer Anstellung habe, könne sie jederzeit zu einem Termin vorbeikommen.
Sie hielt sich am Türrahmen ihrer Wohnung fest und Tränen traten in ihre Augen. Dabei entglitten ihr sowohl der Brief als auch das Päckchen, das sie vollkommen vergessen hatte. Sie öffnete die Tür, sammelte die Sachen vom Boden auf und ging hinein. Am Küchentisch öffnete Sie die Sendung aus Italien und fand eine Goldkette mit einem Anhänger. Die Vorderseite zeigte ihr Sternzeichen, auf der Rückseite war ein ´R` abgebildet.
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