Round-Table "Hochschul-Kooperation in Mexiko zum Nutzen der Saar-Wirtschaft"

09:23 | 2010-06-30

Die Referenten Herr Dr. Schneider und Herr Prof. Dr. Brück

Herr Dr. Schneider ist Rechtsanwalt und Präsident der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft im Saarland e. V.. Herr Prof. Dr. Brück ist Professor für Automatisierungstechnik und Studiengangsleiter für Elektrotechnik an der HTW in Saarbrücken.

Herr Dr. Schneider beginnt den Vortrag mit einer Einführung in das Land Mexiko innerhalb des Amerikanischen Kontinents.

Amerika ist in drei große Wirtschaftszonen gegliedert. Hiervon befinden sich zwei in Lateinamerika: MERCOSUR und der ANDEN-Pakt mit jeweils sechs Mitgliedsländern, die im jeweils anderen Verbund nochmals Gastmitglieder sind. Diese Wirtschaftsgemeinschaften sind nicht so ausgeprägt wie z. B. die damalige EWG oder die heutige EU, sie sollen ein Gegengewicht bilden zum wirtschafts- und finanzkräftigen Norden Amerikas, also USA und Kanada. MERCOSUR und ANDEN-Pakt sind vor 25 bzw. 30 Jahren gegründet worden, haben aber nie eine gemeinsame Wirtschaftspolitik in den beteiligten Ländern bewirken können.

Vor rund einem Jahrzehnt haben Kanada, USA und Mexiko sich zur NAFTA zusammengeschlossen, der nordamerikanischen Freihandelszone. Alle Länder haben davon profitiert und die Länder Europas können nunmehr ohne Handelshemmnisse in Mexiko produzieren und in die USA liefern.

Mexiko ist eine Bundesrepublik mit 32 Bundesstaaten und 110 Millionen Einwohnern auf 1,9 Millionen qkm (Deutschland 360 000 qkm). Die Hauptstadt, Mexiko-Stadt, zählt zu den Megalopolises (Bezeichnung für Städte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern). Neben den bekannten Problemen einer Großstadt, (z. B. Umweltverschmutzung, Infrastruktur, Sozialstruktur) gibt es sowohl in der Hauptstadt als auch im ganzen Land zusätzlich Probleme bei der Wasserwirtschaft. Viele Leitungssysteme sind geschädigt durch instabile Geologie in Mexico-City (die Stadt ist auf trockengelegten Seenplatten errichtet und befindet sich in einer Erdbebenzone); im Land gibt es hoffnungslos veraltete Trinkwasser- und Abwassersysteme. Dies sind Ansatzpunkte für Unternehmen des Saarlandes, die sich um Planungsaufträge und Teilhabe an den nationalen Förderprogrammen bemühen können. Die Firma KEN GmbH aus Neunkirchen ist hierbei mit im Spiel. Auch die Wissenschaften an unseren saarländischen Hochschulen können dort ein Betätigungsfeld finden.

Lange Zeit war Mexiko wirtschaftlich gesehen ein Land der dritten Welt. Vor ca. 100 Jahren entwickelte sich mit technischer und finanzieller Unterstützung durch die USA die Ölindustrie. Diese USA-Hypotheken auf der nationalen Wirtschaftskraft und später auch die von den USA nach Mexiko verlegten Produktionsstätten der nordamerikanischen Automobilindustrie verursachten eine bis heute anhaltende, gut 80%ige, Abhängigkeit der Wirtschaft Mexikos von der US-Wirtschaft.

Diese Verlagerung von Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko beruhte auf den dort billigeren Investitions- und Produktionskosten, insbesondere den billigen Arbeitskosten. Die US-Unternehmen behandelten die mexikanische Arbeitnehmerschaft jedoch ziemlich arrogant und verhinderten jede Entwicklung hin zu einer besser ausgebildeten Technikgeneration der Mexikaner.

Mitte der 60er Jahre zog auch Deutschland nach. VW baute in Puebla eine vollständige Produktion von fertigen Automobilen auf. Der Käfer wurde bis vor wenigen Jahren durchgehend in Mexiko gebaut. Später kamen noch andere Modelle aus dem VW-Konzern hinzu. Im Unterschied zu den US-Unternehmen gewährte VW den mexikanischen Arbeitnehmern schulische Ausbildung auch auf weiterführenden und beruflichen Schulen bis hin zur Hochschulabschlüssen in technischen Berufen. Deshalb genießt Deutschland auch heute noch ein sehr gutes Ansehen in Mexiko. Heute produzieren neben VW auch BMW und Mercedes in Mexiko, und fast alle großen globalen Automobilhersteller sitzen in Mexiko (z. B. Renault, Nissan, Toyota). Im Anschluss an die Automobilkrise in den USA haben Ford und GM und Chrysler nochmals ihre profitablen Niederlassungen in Mexiko ausgebaut.

Auch saarländische Unternehmen, wie zum Beispiel Villeroy & Boch, Automobilzulieferer Voit, Bergbauzulieferer Becker Mining Systems, Hydac u. a., produzieren heute in Mexiko. Die gebürtigen Saarländer Gustav Regler (bekannter Autor) und Hermann Neuberger (ehem. Präsident des DFB und Vizepräsident der FIFA) sind dem mexikanischen Volk ebenfalls bekannt und sorgten dafür, dass Saarländer stets gern gesehene Gäste in ihrem Land sind.

Herr Prof. Dr. Brück übernimmt das Wort. Bevor er beginnt von der diesjährigen Exkursion nach Mexiko zu berichten, stellt er kurz die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) vor. An der HTW studieren zurzeit ca. 3 500 Studenten. Die bewährten und neuen Studiengänge wurden alle auf den Bologna-Prozess umgestellt. Durch diese Umstellung können die Studenten den Bachelor- bzw. Master-Abschluss erlangen.

Vor einer Reihe von Jahren schlossen die HTW und das TEC de Monterrey – im Rahmen einer von der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft vorbereiteten Wirtschaftsdelegation des Saarlandes – einen Kooperationsvertrag in Mexico-City. Das TEC de Monterrey ist wohl die größte und reichste und zugleich bedeutendste Privatuniversität Mexikos mit vielen Niederlassungen im ganzen Land, darunter auch in der Hauptstadt.

 

Die Delegation bei dem Besuch der TEC de Monterrey

 


Seither gibt es einen regelmäßigen Austausch von Studenten in beiden Richtungen. An der HTW sind die Studierenden aus Mexiko in Form einer Summer School in den Unterricht integriert. An den nahezu alljährlichen Delegationen aus dem Saarland nach Mexiko nehmen Vertreter der HTW regelmäßig teil.

In diesem Jahr hat die HTW eine eigenständige Delegation mit rund 20 Teilnehmern zusammengestellt und ein umfangreiches Programm vorbereitet: Anderthalb Dutzend Studierende der Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften und drei Professoren der HTW (mit Begleitung) verbrachten zwei Wochen in Mexiko. Ein Hotel in der Nähe des Zocalo war Standort in Mexico-City. Von dort ging es zu den Besuchen bei der Partner-Hochschule TEC de Monterrey sowie in die Produktionsstätten großer deutscher Unternehmen innerhalb und außerhalb von Mexico-City, z. B. Festo und Siemens, sowie VW und Magna (beide in Puebla). Die mehr offiziellen Besuche bei der Deutschen Botschaft und dem German Centre waren von der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft vorbereitet, ebenso wie der Besuch bei VW. Übrigens hat die Deutsch-Mexikanische Gesellschaft bei VW in Puebla einige HTW-Praktikanten unterbringen können, und eine Praktikantin befand sich auch im dortigen Empfangskomitee bei Ankunft der HTW-Delegation. Selbstverständlich gab es auch Exkursionen zu vielen kulturellen und historischen Attraktionen in und um die Hauptstadt herum, zum Beispiel die Pyramiden von Teotihuacan und die „Schwimmenden Gärten“ von Xochimilco. Prof. Dr. Brück betonte den Wert solcher Delegationen für die Entwicklung der Studierenden durch einen Blick über den Tellerrand und in die Arbeitswelt eines Unternehmens im Ausland.

 

 

 

Besichtigung VW in Puebla



Dr. Schneider ergänzt diese Ausführungen um einen Überblick auf die ebenfalls wachsenden Bindungen und Beziehungen einer Reihe von Instituten der Universität des Saarlandes mit Forschungseinrichtungen in Mexiko und bestätigt im Rahmen einer großen Forschungsdelegation nach Mexiko unter der Leitung von Universitätspräsident Prof. Linneweber und mit politischer Begleitung aus dem Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft.

Das Zusammenwirken der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen verleiht dem Saarland auch als kleinem Bundesland eine zwischenzeitlich gewachsene hohe Wertschätzung, sicherlich auch gefördert durch den stetigen Austausch der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft mit vielen Institutionen auf der mexikanischen Seite.
 

 

Die Gruppe der Exkursions-Teilnehmer vor der Deutschen Botschaft in Mexico-City

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