Zeig her deine Narben

08:42 | 2010-04-26

Neunkirchen. Nur ein Revolver genügt ihr nicht. Wenn sich eine wie sie erledigen will, hält sie sich gleich zwei an die Schläfe, drei weitere weisen auf den Unterleib. Kunst als Selbstmordkommando? Bettina van Haarens „Ophelia“ (2006/2007) lässt sich als Schlüsselbild lesen. Diese Frau kennt nun mal keine Gnade mit sich: Hier zieht sich eine das Seelenfell über die Ohren und zwingt dem Betrachter eine irritierende Intimität auf. Vielleicht sollte man die Titel der Bettina-van-Haaren-Ausstellungen als Programm nehmen. „Häutungen“ heißt die aktuelle, die in der Städtischen Galerie in Neunkirchen 130 Arbeiten der jüngsten, rund zehnjährigen Schaffensperiode vereint.
2001, im Dillinger Alten Schloss, waren es nur „Leichte Verschiebungen“, die van Haaren uns zugemutet hatte, kurz nachdem sie das Saarland verließ, um Professorin in Dortmund zu werden: Ihr Selbstbild blieb noch schemenhaft. Die Dillinger Schau war hier zu Lande die letzte Einzelausstellung für die Malerin, umso verdienstvoller nun diese Neunkircher Präsentation. Nachvollziehbar wird nicht nur der gewaltige Sprung, den van Haaren, Jahrgang 1961, genommen hat: Die „Boxerin“ – so ein wiederkehrendes Motiv –, die sich abarbeitet an (weiblicher) Vergänglichkeit und (menschlicher) Stofflichkeit, hat sich zur souveränen Schamanin gewandelt – schonungslos und schroff. Selbst bundesweit dürfte van Haaren mit ihrer selbstbezüglichen Radikalität eine wohl singuläre Position in der Malerei einnehmen.
Streng, skeptisch, mürrisch blickt die Künstlerin uns entgegen: aus großformatigen Tempera-Bildern, Aquarellen und seriellen Zeichnungen. Unter letzteren befinden sich auch rund 20 Originale aus dem „Atem“-Buch, das sie zusammen mit dem saarländischen Autor Alfred Gulden heraus gebracht hat. Feinmaschige, zarte Grafik transportiert eine aggressive Thematik: Lungenflügel wuchern wie Sträucher, Arme ähneln Baumstümpfen oder Phalli, Zähne kullern aus dem Mund, Finger dienen als Stopf-Masse. Ecce femina steht über all dem: Seht sie an, die Schmerzensfrau. Am unmittelbarsten erlebt man dies in den Aquarellen, die bereits formal Auflösung und Zersetzung in sich tragen. Die Künstlerin fragmentiert und verstümmelt ihren Körper zum Torso, dreht, faltet, kippt ihn anatomisch unkorrekt, zeigt dessen Narben, Adern, Pickel mit „monströser Genauigkeit“, wie es im Katalog heißt. Dies nicht, um zu schockieren, sondern weil sie sich selbst zum Modell und Material nimmt. Bekanntlich stellt sie in wochenlangen Umgruppierungen Atelier-Arrangements her wie altmeisterliche „Vanitas“-Stillleben, mit Tierkadavern, Vasen, Orangenschalen, Autoreifen, Spitzendeckchen und Plastik-Einkaufstüten. All diese krasse Dinglichkeit schwebt in einem inkohärenten Raum, in dem sich überraschende Auslassungen – weiße Löcher – auftun. Ein Schaffens-Kosmos zwischen Illusions-Trieb und Abstraktion, Schönheitssinn und -Verweigerung, der einen immensen emotionalen Sog ausübt und Themen aus dem Unbewussten nach oben spült: Nähren, Mutterschaft, Altwerden, Vereinsamung, Selbstbespiegelung. Mancher Betrachter wird sich mit Abwehr gegen diese „Offenbarung“ stemmen. Oder durchlässig werden für die existentielle Tiefe und Wucht dieser Bilder.
Bettina van Haaren: Häutungen. Malerei und Zeichnung, bis 6. Juni; Di, Mi, Fr 10-12.30 Uhr, 14-17 Uhr; Do bis 18 Uhr; Sa 14-17 Uhr; So bis 18 Uhr. Künstlergespräch: 6. Mai, 19 Uhr in der Städtischen Galerie Neunkirchen, Marienstraße 2.

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